Das Übersetzen von Literatur birgt eine besondere Schwierigkeit: Dem Original treu zu bleiben bedeutet nicht immer, es wörtlich zu übersetzen.
Ein Ausdruck kann in einem deutschen Roman perfekt funktionieren, im Englischen jedoch gekünstelt klingen. Ein Wortspiel kann im Französischen seine Wirkung völlig verlieren. Ein kultureller Bezug mag für den ursprünglichen Leser offensichtlich, den Leser in einem anderen Land jedoch unbekannt sein.
Wie weit darf die Anpassung also gehen, ohne dass die Übersetzung zu einem anderen Werk wird?
Einem Werk treu zu bleiben bedeutet nicht, seine Struktur zu kopieren
Eine zu wörtliche Übersetzung kann zwar die Wörter beibehalten, gleichzeitig jedoch einen Teil der Wirkung verlieren, die das Original hervorgerufen hat.
Die Reihenfolge der Sätze, der Aufbau der Dialoge, der Rhythmus oder bestimmte Ausdrucksweisen funktionieren nicht unbedingt in allen Sprachen gleich.
Deshalb besteht die Treue bei einer professionellen literarischen Übersetzung nicht nur darin, die unmittelbare Bedeutung jedes Satzes beizubehalten. Man muss auch, soweit möglich, den Ton, die Absicht und die Art und Weise bewahren, wie der Text auf den Leser wirkt.
Ein Roman mit einem flotten Erzähler sollte weiterhin diese Lebendigkeit vermitteln. Eine ironische Figur sollte weiterhin ironisch klingen. Und eine bewusst unangenehme Szene sollte nicht neutral werden, nur weil die Übersetzung die Sprache abgeschwächt hat.
Wie verhält es sich mit kulturellen Anspielungen?
Das hängt davon ab, welche Funktion sie innerhalb des Werks haben.
Eine Anspielung auf einen Ort, einen Brauch, ein Lebensmittel, eine bekannte Persönlichkeit oder einen gängigen Ausdruck kann Teil der kulturellen Identität des Textes sein.
Wird sie automatisch durch eine gleichwertige Referenz aus dem Zielmarkt ersetzt, kann dies die Atmosphäre verändern oder sogar relevante Informationen über die Figuren verfälschen.
Sie einfach so beizubehalten, garantiert jedoch auch nicht, dass sie funktioniert.
Die Entscheidung hängt davon ab, ob der Leser diese Referenz verstehen muss, um der Geschichte folgen, einen Witz verstehen oder eine Szene richtig interpretieren zu können.
Deshalb gibt es keine einheitliche Lösung.
In manchen Fällen ist es sinnvoll, den ursprünglichen Bezug beizubehalten. In anderen Fällen muss eine Formulierung gefunden werden, die das Verständnis ermöglicht, ohne den Text unnötig zu verändern.
Wortspiele sind eines der besten Beispiele dafür.
Ein Wortspiel lässt sich oft kaum Wort für Wort übertragen.
Wenn die Wirkung darauf beruht, dass zwei Begriffe in der Ausgangssprache eine doppelte Bedeutung haben oder ähnlich klingen, kann dieser Zusammenhang bei der Übersetzung vollständig verloren gehen.
Hier stellt sich eine wichtige Entscheidung.
Ist es originalgetreuer, die verwendeten Wörter exakt beizubehalten, auch wenn dabei das sprachliche Spiel verloren geht? Oder sollte man nach einer anderen Lösung suchen, die beim Leser eine ähnliche Wirkung hervorruft?
Manchmal kann gerade die Abkehr von den konkreten Wörtern des Originals dazu führen, dass dessen Absicht erhalten bleibt.
Dies ist einer der Gründe, warum sich die Übersetzung von Romanen und Erzählungen nicht darauf beschränken lässt, Entsprechungen zwischen Begriffen zu finden.
Und wie sieht es mit der Sprache der Figuren aus?
Auch das kann Probleme aufwerfen.
Die Art und Weise, wie eine Figur spricht, kann Aufschluss über ihr Alter, ihre Persönlichkeit, ihren sozialen Hintergrund, ihre Herkunft oder die Epoche geben, in der sie lebt.
Die wörtliche Übersetzung bestimmter Ausdrücke kann zu unnatürlichen Dialogen führen oder Assoziationen wecken, die im Original nicht vorhanden waren.
Diese Anpassung zu weit zu treiben, birgt jedoch ebenfalls Risiken.
Wenn man einer Figur beispielsweise einen sehr ausgeprägten regionalen Dialekt in der Zielsprache zuweist, kann dies geografische oder soziale Konnotationen hinzufügen, die der Autor nie eingebracht hat.
Das Ziel sollte nicht darin bestehen, eine Sprechweise automatisch durch eine andere zu ersetzen, sondern zu verstehen, welche Funktion sie innerhalb der Geschichte erfüllt, und nach einer stimmigen Lösung zu suchen.
Was ist mit dem Stil des Autors?
Auch der Stil ist Teil dessen, was übersetzt wird.
Es gibt Autoren, die lange und komplexe Sätze bilden; andere wiederrum verwenden sehr kurze Strukturen. Manche wiederholen bestimmte Wörter bewusst, während andere einen Teil ihres Schreibstils auf Rhythmus, Mehrdeutigkeit oder die Wahl konkreter Bilder stützen.
Würden all diese Stimmen in der Zielsprache gleich klingen, würde dadurch ein Teil dessen verloren gehen, was ein Werk von einem anderen unterscheidet.
Deshalb bedeutet eine natürlichere Übersetzung nicht, den Text zu vereinheitlichen.
Die Natürlichkeit muss mit den stilistischen Besonderheiten des Originals in Einklang stehen.
Kinderliteratur: Wenn Worte auch Klang haben
Die Übersetzung von Kindergeschichten und Jugendliteratur bringt zudem weitere Elemente mit sich.
In der Kinderliteratur ist der Text oft darauf ausgelegt, laut vorgelesen zu werden. Reime, Wiederholungen, Lautmalereien, Klangspiele oder erfundene Wörter können ebenso wichtig sein wie ihre Bedeutung.
Eine Übersetzung kann die Informationen zwar korrekt wiedergeben, aber dennoch nicht funktionieren, wenn dieser Rhythmus vollständig verloren geht.
Zudem kann eine direkte Verbindung zwischen Text und Illustration bestehen.
Wenn ein Bild das darstellt, worauf ein Witz, ein Reim oder ein Wortspiel aufbaut, hat der Übersetzer weniger Spielraum, bestimmte Elemente zu verändern.
In der Jugendliteratur hingegen müssen Dialoge und Sprachregister für das Zielpublikum natürlich wirken, ohne dass Ausdrücke verwendet werden, die die Persönlichkeit der Figuren oder den Kontext der Geschichte verändern.
Bedeutet „anpassen“, das Werk zu verändern?
Nicht unbedingt.
Anpassen bedeutet in der literarischen Übersetzung nicht, den Text frei umzuschreiben oder das zu verändern, was der Autor erzählen wollte.
Es bedeutet anzuerkennen, dass jede Sprache über unterschiedliche Mittel verfügt und dass die exakte Wiedergabe einer sprachlichen Struktur nicht immer deren Wirkung bewahrt.
Die Grenze liegt darin, keine Bedeutungen, Absichten oder Merkmale hinzuzufügen, die nicht zum Original gehören.
Eine Frage kann dabei helfen, diese Grenze zu ziehen: Ermöglicht diese Entscheidung die Übertragung von etwas, das bereits im Werk vorhanden ist, oder wird dadurch etwas Neues eingeführt?
Wer entscheidet, was beibehalten und was angepasst wird?
Der Übersetzer spielt eine entscheidende Rolle, ist jedoch nicht der einzige Faktor.
Das Genre, die Zielgruppe, die Merkmale der Ausgabe, der Zielmarkt sowie die Vorgaben des Verlags oder des Autors können bestimmte Entscheidungen beeinflussen.
Deshalb sollte ein literarischer Übersetzungsdienst einen historischen Roman, ein Bilderbuch, eine Fantasy-Reihe oder ein zeitgenössisches Jugendbuch nicht auf dieselbe Weise angehen.
Eine auf literarische Übersetzungen spezialisierte Agentur muss in der Lage sein, geeignete Fachkräfte für die jeweilige Sprachkombination, das Genre und die konkreten Merkmale des Werks auszuwählen.
Was sollte eine literarische Übersetzung also bewahren?
Es gibt keine einheitliche Formel, die auf alle Bücher anwendbar ist.
Das Ziel ist jedoch ganz klar: Dem Leser der Zielsprache den Zugang zum Werk zu ermöglichen, ohne unnötigerweise das zu verlieren, was es ausmacht.
Dazu gehören seine Bedeutung, aber auch seine Stimme, sein Tonfall, seine Figuren, sein Rhythmus und seine stilistischen Entscheidungen.
In manchen Sätzen erfordert dies, sehr nah am Original zu bleiben.
In anderen Fällen muss man sich von den konkreten Wörtern entfernen, um deren Wirkung besser zu bewahren.
Der Schlüssel liegt darin, zu wissen, warum.
Häufig gestellte Fragen
Nein. Eine übermäßig wörtliche Übersetzung kann zu unnatürlichen Strukturen führen oder dazu, dass Nuancen, Wortspiele und Effekte des Originals verloren gehen. Vorrangig ist es, die Bedeutung und – soweit möglich – die Funktion der Sprache innerhalb des Werks zu bewahren.
Redewendungen, Wortspiele, kulturelle Bezüge, Sprachregister oder bestimmte sprachliche Mittel müssen unter Umständen angepasst werden, wenn es in der Zielsprache keine direkte Entsprechung gibt, die funktioniert.
Ja, sie sollten jedoch nicht automatisch ersetzt werden. Die Entscheidung hängt davon ab, wie wichtig der Bezug für die Handlung, die Figuren, den Schauplatz und das Verständnis des Lesers ist.
Weil neben der Bedeutung auch Elemente wie Reime, Klangbild, Wiederholungen, das Vorlesen oder die Beziehung zwischen Text und Illustrationen eine Rolle spielen können.
Er muss die Beherrschung der Zielsprache, Interpretationsfähigkeit, Kenntnisse der Gattungsmerkmale sowie Kriterien vereinen, die es ermöglichen, die sprachliche und stilistische Kohärenz des Werks zu wahren.
Lassen Sie Ihr literarisches Werk mit Blarlo übersetzen
Bei Blarlo bearbeiten wir Übersetzungsprojekte für Romane und Erzählungen sowie für Kinder- und Jugendliteratur mit professionellen Muttersprachlern, die je nach Sprache, Zielmarkt und den Besonderheiten des jeweiligen Werks spezialisiert sind.
Als auf Literaturübersetzungen spezialisierte Agentur wählen wir für jedes Projekt den passenden Übersetzer aus und arbeiten mit Qualitäts- und Überprüfungsprozessen, die durch die Zertifizierungen nach ISO 9001 und ISO 17100 abgesichert sind.
Denn beim Übersetzen von Literatur geht es nicht nur darum, sich zwischen wörtlicher Wiedergabe und Anpassung zu entscheiden. Es geht darum, herauszufinden, was beibehalten werden muss, damit das Werk auch beim Sprachwechsel seine Wirkung entfaltet.
Über die Autorin
Laura González Toré, Leiterin für Marketing und Kommunikation bei Blarlo
Als Spezialistin für Content-Strategie, digitale Kommunikation und Internationalisierung arbeitet sie an der Positionierung von Blarlo und daran, an die Bedürfnisse von Unternehmen anzupassen.



